Eintagsfliege

Eintagsfliege heißt eine Schülerzeitung an der Gesamtschule Geistal.   Als einige ihrer Stammredakteure nach Abschluss von Klasse 10 die Schullaufbahn in der Gymnasialen Oberstufe der MSO fortsetzen, nehmen sie nicht nur ihr journalistisches Know- how, sondern die Schülerzeitung selbst samt – ungeschütztem – Namen mit nach oben.

Dies geschieht vermutlich im Sommer 1978, möglicherweise ein Jahr später. Sicher ist immerhin, dass Ausgabe 8 der Eintagsfliege als „Schülerzeitung der MSO“ herausgebracht wird.

Solche nicht gerade zahlreichen Erkenntnisse verdanken wir dem einzigen uns vorliegenden Exemplar der Eintagsfliege, der Nr.9 vom Dezember 1979 (Auflage 500 Stück, Preis 0,10 DM).

Der Redaktion gehören zu diesem Zeitpunkt  –  als von der heute üblichen Dominanz der Schülerinnen in Redaktionen noch niemand etwas ahnen konnte  –  sechs Schüler an: Jürgen Böthig, Axel Gerlach, Frank Kamolz, Uwe Orth, Kurt Schade und Christoph Wiemann.

Das mit 16 Seiten vergleichsweise schmale Heft enthält neben einer kritischen Reportage über einen Schülerbesuch im KKW Würgassen an der Weser  Berichte, Leserbriefe und Kommentare allein zu einem einzigen Thema: wie gut oder wie schlecht, wie objektiv bzw. wie offen oder verkappt parteipolitisch sind die Redakteure der Eintagsfliege und die der gleichzeitig (!) erscheinenden anderen Schülerzeitungen an der MSO.

Was aus heutiger Sicht erstaunen mag – damals, in den „nach 68er“ Gründungsjahren der MSO,  gibt es ein beinahe selbstverständliches Engagement vieler Schüler in und neben den Jugendorganisationen der parlamentarischen Parteien im sogenannten Spektrum von Links-Mitte-Rechts. Und ein solches gesellschaftspolitische Engagement spiegelt sich im Nebeneinander von manchmal drei oder mehr Schülerzeitungen zumindest an herkömmlichen Gymnasien oder Oberstufengymnasien in der gesamten Bundesrepublik.

Eintagsfliege

Eintagsfliege im Original:

„Lieber Leser!

(…) Laß mich jedoch noch einmal auf die Eintagsfliege Nr. 8 zurück­kommen. Da war auf Seite 25 ein viel diskutierter "Groupie-Artikel". In vielen Heften jedoch fehlte die Seite 25 und das kam so: Nachdem etwa ein Drittel der Auflage verkauft worden war, haben wir uns nach einer Unterredung mit Herrn Windemuth entschlossen, aus den restlichen Heften diesen Artikel zu entfernen. Wenn sich auch über die Qualität dieses Artikels streiten läßt, so hatte er dach auch sein Gutes: Endlich einmal sind Meinungen und Stellungnahmen aus dem bisher relativ stummen Publikum ge­kommen (Siehe "Die Neue", Seite 21 und "Motz" Nr.9, Seite 17). Hier sind Meinungen aufeinandergeprallt und Argumente ausge­tauscht worden. Das macht ja erst die Arbeit in einer Schülerzei­tung interessant. (…)“    

A.G. (d. i. Andreas Gerlach, in Eintagsfliege Nr.9, Dezember 1979).

Die Redakteure der Eintagsfliege leben offenbar einträchtig mit ihren Kollegen und Kolleginnen der Schülerzeitung der SV, Motz, sowie den Schülerzeitungen Karthago und Schwarzwurz.  Sie begrüßen diese Vielfalt ausdrücklich - und damit auch die aktuelle Neugründung einer weiteren Schülerzeitung, die sich in der 1.Ausgabe Die Neue (später Torpedo) nennt, als willkommene Möglichkeit, „Gesprächsanlässe unter Schülern zu schaffen und damit ein Stück zur Demokratie in der Schule beizutragen“.
Gleichzeitig fordert Anonymus, Leser der „Eintagsfliege“,  die „Neuen“ auf, mit offenem Visier anzutreten, d.h. nicht den Schein von Objektivität vorzutäuschen, sondern mutig einzuräumen, dass sie doch wohl als „Helfer und Helfershelfer der Schülerunion“  und somit recht eigentlich für  die ungetarnt agitierende Schwarzwurz tätig seien.

Umgekehrt sieht sich die Redaktion der Eintagsfliege gleich von zwei Leserbriefschreibern dem Vorwurf ausgesetzt, mit dem Wechsel an die MSO das jahrelang gepflegte journalistische Gut der Überparteilichkeit aufgegeben zu haben  „und immer mehr zum Sprachrohr der linken Schülerschaft“ zu werden. „Es ziemt sich auch nicht für eine Schülerzeitung“, so einer der beiden verärgerten Leser, „Politpreise in einem Preisausschreiben auszusetzen.“
Politpreis? Was soll das gewesen sein, wundert man sich heute. Man höre und staune: Poster mit den Konterfeis von Karl Marx, Rosa Luxenburg und Karl Liebknecht !

Wie viele Tage  Eintagsfliege ihr Dasein  an der MSO wohl noch zu fristen vermag – so lange Zeit vor Einrichtung eines Schonraumes für bedrohte Arten? Wir wissen es nicht.

Der weitere Weg von Axel Gerlach, dem Chefredakteur der Eintagsfliege und späteren Schulsprecher, lässt sich zwar noch ein kleines Stück verfolgen: als Artikelschreiber von Motz N.11 (Juli 1980) und – zusammen mit Eintagsfliege-Redakteur Christoph Wiemann als aktiver Mitarbeiter der im September 1981 gegründeten Schülerzeitung Impuls.

 „Angesichts der Pressemisere an der MSO  (Eintagsfliege = Keintagsfliege, Motz = Zensur, Torpedo = Blindgänger) haben wir, die Redaktion der Impuls, uns entschlossen, euch eine echte Alternative zu dieser Misere anzubieten“ –  mit diesen Worten rechtfertigt Impuls-Chefredakteur Christian Neukamm die Herausgabe eines weiteren Kokurrenzblattes.

Hatte Andreas Gerlach womöglich nur das sinkende Schiff verlassen? Wenn ja, auf welchen Tag lässt sich dieser Untergang datieren? Auch das wissen wir also nicht.

Veteranen der Redaktion Eintagsfliege, Zeitzeugen, Besitzer von Exemplaren weiterer Ausgaben: bitte melden! Für jede Information, die hilft, Lücken in unserer kleinen SZ-Chronologie auszufüllen, sind wir dankbar.

10.01.2009

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Heft 9, Dezember 1979