Heft 3, November 1978

Karthago

Im November 1978 erscheint Karthago mit einer Auflage von 400 Exemplaren erstmals als „Schülerzeitung an der MSO“ (nach zwei Vorläufen im Gymnasialzweig der Gesamtschule Obersberg). Zu dieser Zeit hatten sich am Obersberg bereits Motz, die Schülerzeitung der SV, und die linksorientierte Eintagsfliege fest etabliert.

Die Macher von Karthago, die beiden Chefredakteure Frank Beisheim und Thomas Hild sowie Michael Körner, Lothar Mertens, Otto Braun u.a., möchten sich nicht dem üblichen politischen Spektrum zuordnen lassen, sie wollen eine Zeitung „für alle und keinen“ gestalten, verstehen sich dennoch keineswegs als unpolitisch:

Plakat von Klaus Staeck (1975)

So nehmen sie in ihrer Ausgabe Nr.3 dezidiert Stellung zur „unbewältigten Vergangenheitsbewältigung“in der Bundesrepublik am Beispiel von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Filbinger, der wegen der von ihm in seiner Eigenschaft als NS-Marinerichter noch kurz vor Kriegsende verhängten Todesurteile gegen Deserteure zum Rücktritt gezwungen wurde und sich nun als Opfer linker Hetzjagd sieht.

Der Begriff „Hetzjagd“ klingt auch an in einem Artikel über die Erfassung politisch engagierter Schüler durch den Verfassungsschutz. Wenn auch in unterschiedlicher Bedeutung gebraucht verbindet dieser Begriff beide Texte miteinander auf eigentümliche Art, die zum Nachdenken provoziert. In seinem Kommentar zu neuerlichen Formen im Kampf gegen "Verfassungsfeinde" bringt Autor Frank Beisheim die Befürchtung zum Ausdruck, dass die heimlich gesammelten Daten missbraucht werden könnten, und zwar zum Schaden nicht nur von Schülern, die in extremen Organisationen aktiv sind, sondern auch von solchen, die sich in Bürgerinitiativen engagieren.

Der Autor zeigt sich überzeugt davon, dass selbst gegen „falsche Ansichten“ nicht die polizeiliche Überwachung helfe, sondern einzig und allein gute Schulen: „Der GK-Unterricht müsste so verbessert werden, dass die Schüler ein politisches Grundwissen besitzen, das sie befähigt, sich selbst eine vernünftige Meinung zu bilden.“

Fundierte Bildung also mache sowohl Extremismus als auch Verfassungsschutz überflüssig! Die Wertschätzung gehaltvoller  Bildung, die sich in Frank Beisheims Artikel besonders deutlich zeigt, wird auch in anderen Beiträgen erkennbar,  z.B. in Buchbesprechungen und einem Bericht über die Mediothek, aber auch an dem Stellenwert, dem Lyrik zugemessen wird, wenngleich man sich auf die großen Vorbilder Goethe, Brecht und Bachmann doch noch mehr verlässt als auf eigene Poesie.

Und von dieser aufklärerischen Grundüberzeugung, so wird es im weiteren Verlauf ihrer Arbeit offenkundig, leiten die Redakteure von Karthago ihr journalistisches Ethos ab.Geradezu programmatisch wirkt daher ein Schiller-Zitat inmitten anderer Weisheiten berühmter Männer:

„Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

Mit ihrer Ausgabe Nr.5 (Juli 1979)  habe es die Redaktion nach eigenem Bekunden endlich geschafft, sich vom Mittelstufenstil zu verabschieden und sich in „Aufbau und Inhalt (…) den veränderten Gegebenheiten anzupassen“. Konkret soll dies heißen: „nicht mehr so viel Unterhaltung, sondern mehr Information“.

Wie hoch die Redaktion das Informationsbedürfnis einer vernunftbegabten Leserschaft einschätzt (und womöglich überschätzt), das lässt sich in exemplarischer Weise an Inhaltsübersicht und Erscheinungsbild von Karthago Nr.5 erkennen:

Die insgesamt 36 Heftseiten setzen sich zusammen aus:

  •   13 Seiten Artikel u.a. über Neonazis, Umweltverschmutzung sowie eine Großdemo von MSO-Schülern  gegen „unzumutbare Zustände“ in den Schulbussen eines Hersfelder Transportunternehmens
  •   9½ Seiten aktuelle redaktionelle und schulische Meldungen (u.a. über die SV)
  •   1 Seite Buchkritik (Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“)
  •   2 Seiten Musikkritik (Mike Oldfield)
  •  3½ Seiten Witz und Satire
  •  1½ Seiten Lehrerzitate („Der transzendente Herr in der letzten Reihe möge seine Meinung dazu äußern.“ (Lotz)
  •  ½ Seite Schülerzitate („Ich hab’ gehört, am dreißigsten soll Exekutionstag sein!“
  • 1 Seite Lyrik (Erich Frieds „Markttag“)
  • 4 Seiten Titelblatt und Anzeigen.

Alles in allem also der für Schülerzeitungen typische „Infomix“ aus den Bereichen Schule, Kultur und Gesellschaft, in diesem Fall präsentiert als kleines, aber kompaktes Bildungsangebot an Oberstufenschüler  –  eine Kost, die in ihrer Darreichung allerdings eine wohl selbstmörderisch zu nennende Risikobereitschaft der Redaktion offenbart: alle per Matrize vervielfältigten Beiträge sind abgefasst  in Schriftgröße 8 und enthalten nicht eine Abbildung,  keinerlei (vom Cover abgesehen) Illustration!

Mit einem vergleichenden Blick auf die Entwicklung anderer Schülerzeitungen an der MSO fällt auf, dass Karthago den Weg, den ZON  einst gegangen war, nämlich von der Betonung der Information hin zur Bevorzugung der Unterhaltung, genau umgekehrt zu gehen gewillt ist, und zwar radikal – zumindest was die Aufmachung betrifft.

Heft 1, Juni 1978

Eine solch konsequente Entscheidung gegen den Trend mit dem genannten journalistischen Selbstverständnis zu begründen, mag unzureichend erscheinen. Ein gewichtiger Grund erschließt sich uns vielleicht, wenn wir bereits die Titelwahl des Projektes Karthago als eine  tiefer liegende Programmatik deuten:

Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.

Mit Bert Brechts berühmter Mahnung vor gefährlichen Machtgelüsten, zitiert auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von Karthago, scheinen die pfiffigen Zeitungsgründer der Alten Klosterschule  ihren Glauben an den Erfolg mit Understatement bemänteln zu wollen, um sich vor überzogenen Erwartungen zu schützen.

„Unsere Schülerzeitung war tatsächlich auf drei Ausgaben hin angelegt“, erinnert sich einer der beiden damaligen Chefredakteure, Frank Beisheim, heute. „Und was waren wir am Ende doch stolz, dass wir es auf ganze fünf Ausgaben gebracht hatten!“

15.01.2009

ZURÜCK