Heft 10, Februar 1980

MOTZ

 

 

Kontra sein

Schulinterne Probleme und politische Themen:

Die Geschichte einer Schülerzeitung, in der alle

schreiblustigen Schüler mal richtig “motzen”

durften.

Meldungen, Olle Kamellen, Tipps und Zuspruch– das versprach die MOTZ 1 auf ihrem DIN A 5-Titelblatt. Für 10 Pfennig war die erste Ausgabe einer Schülerzeitung an der Modellschule Obersberg im März 1977, also vor fast 30 Jahren, zu haben. Herausgeber der 500 mal 50 Seiten war die SV der MSO, und die Redaktion bestand aus allen, „die in der MOTZ ihre Artikel veröffentlichen“. Gleich im Impressum macht die Schlussredaktion klar, was sie unter einer Schülerzeitung versteht: „ sie ist von niemandem zensiert und in ihr kann jeder schreiben, der Lust dazu hat!“ Schüler sollten die Möglichkeit haben, zu motzen, sich aufzulehnen. Die MOTZ wollte etwas bewegen oder einfach nur kontra sein.

„Es war eine richtige Nacht- und Nebelaktion, so viele Tassen Kaffee – genau 15 – habe ich in meinem ganzen Leben später nicht mehr auf einmal getrunken.“, erinnert sich ein ehemaliges Mitglied der Schlussredaktion.  Die mit der Schreibmaschine beschriebenen Seiten mussten kopiert und in nächtelanger Arbeit per Hand geheftet werden. Schon in den 70er Jahren hatten es Schülerzeitungen nicht leicht. Es gab wenig Geld, fast alle Entscheidungen mussten „kurz vor knapp“ getroffen werden. Vervielfältigt wurde die MOTZ nicht wie unser Obersburger in einem Copy-Shop mit Digitaldruck, sondern in der schulinternen Druckerei mit Hilfe eines Kopierers. Die Qualität der Hefte, die mal in der Größe DIN A4, mal DIN A5 erschienen, war dementsprechend schlecht. Deshalb verzichteten die Autoren auch größtenteils auf Fotos. Die meisten Seiten enthielten reinen, auf der Schreibmaschine getippten Text.

Zeichnungen wie Lehrer-Karikaturen oder Comic-Streifen brachten Abwechslung in die Buchstaben.

Die Themen der MOTZ kamen hauptsächlich aus dem Bereich der Politik.   Aktuelle Entscheidungen, gerade wenn sie die Schule betrafen, wurden mit größtem Interesse verfolgt. Neben Geschehnissen inner- und außerhalb der MSO kamen auch die Philosophie und die Poesie nicht zu kurz. Damit schien die MOTZ, der hohen Anzahl der Leserbriefe nach zu urteilen – im Gegensatz zu heute – den Geschmack der Schüler, ihrer Leserschaft, getroffen zu haben. Oder sollte man lieber sagen, der eigenen Schreiber? Das Konzept der ersten Ausgabe–Redaktion: alle schreibenden Schüler der MSO, Herausgeber: SV – konnte allerdings nicht lange beibehalten werden. Mehrmals äußerte sich das Schlussredaktionsteam enttäuscht über das mangelnde Interesse. Sinkende Seiten- und Auflagezahlen sprechen für sich. Wieder musste erklärt werden, wie die MOTZ funktioniert, anscheinend aber ohne Erfolg.

So kam es denn dazu, dass in der 4. MOTZ im Juli 1978 eine feste Redaktion genannt wurde, die eine offene Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern anstrebte. Das scheint gewirkt zu haben, denn schon die Nummer sechs erschien mit einer Auflage von 800 Stück für 50 Pfennige, doppelt so viele wie zuvor. Auch ein fester Raum, 540, gehörte von nun an zur Redaktion.

Die Schülerzeitung MOTZ mit einer Auflage von 500 Stück wird von der SV der MSO herausgegeben.Der Redaktion der 1.Ausgabe gehören an: Martina Loose, Petra Kümmel, Christian Albrecht, Heinz Hilbrecht, Kai-Uwe Hübner.
Klaus Müller: "Amerika", in: MOTZ Nr.5, Oktober 1978

Besonders berühmt aber wurde die 3. MOTZ im Jahr 1977. Sogar der Bundesverfassungsschutz interessierte sich damals für diese Ausgabe. Es ging um den Vorwurf, gegen das Pressegesetz verstoßen zu haben. Aber hier erstmal die Geschichte: In seiner Funktion als Generalbundesanwalt war Siegfried Buback mit der Aufklärung und Ahndung der Taten der Rote-Armee-Fraktion (RAF) betraut, zu deren Opfer er im so genannten „Deutschen Herbst“ wurde. Zusammen mit seinem Fahrer und einem Justizbeamten wurde Siegfried Buback am 7. April 1977 in Karlsruhe auf der Fahrt von seiner Wohnung in Neureut zum Bundesgerichtshof von RAF-Terroristen erschossen.*

In einer Bekanntmachung vom Mai 1977 in der Propanganda-Zeitschrift „Revolutionärer Zorn“ rechtfertigte die Terroristen-Vereinigung ihre Tat. Diesen Nachruf veröffentlichte die SV in der Schülerzeitung.

Alle Exemplare wurden eingesammelt, verboten und vernichtet. Na ja, fast alle. Das Original ist nicht mehr aufgetaucht und blieb verschont. Die an der Redaktion beteiligten Schüler sind bis heute unbekannt, für sie hätte das ganze nämlich ernsthafte Folgen - bis hin zum Schulverweis kurz vor dem Abitur – haben können. Im Impressum war statt der Namen ein Bild von Max und Moritz zu finden mit dem Spruch „Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen! Wie zum Beispiel von diesen,…“ und der damalige Direktor der Schule gab an, die Verantwortlichen der SV nicht zu kennen. Eigentlich wollten die Redakteure mit dem Abdrucken des RAF- Pamphlets nach eigenen Angaben zum Nachdenken und Mitdiskutieren anregen: „Zur Ergänzung des Urteils [warum die Herausgeber** des Buback-Nachrufes sich keiner Straftat schuldig gemacht haben] fügen wir hier die zitierten Gesetze und den Nachruf bei, um eine Diskussion zu ermöglichen.“

Dass das solche Konsequenzen haben würde, war ihnen offenbar nicht bewusst, dass es nicht ganz erlaubt war, schon.

Insgesamt 14mal erschien die MOTZ. Warum sie aufgegeben und nicht wieder neu aufgelegt wurde, ist unbekannt. Die Hefte wurden zuletzt immer dünner, auflagenschwächer und erschienen seltener. 1982 hörte man das letzte Mal von ihr.

[TW] d.i.Tanja Wolf, Obersburger Nr.15, Mai 2005

 

* aus: Wikipedia (www.wikipedia.de)

** Studenten von der FH Düsseldorf, die den “Buback-

Nachruf” in ihrer Studentenzeitung “Lupe” nachgedruckt hatten

 

 

 

Extra Sein

Im Mai 1979 erscheint MOTZ als 48seitige „Literaturausgabe“ …

Liebe MOTZ-Leser,

Sicher werdet Ihr Euch über die ungewohnte Art der MOTZ Nr.8 wundern. Doch als wir, die Redaktion, feststellten, dass in den vorangegangenen Ausgaben die „Belletristik“ völlig fehlte, entschlossen wir uns, das Versäumte nachzuholen. Auf diese Weise entstand diese „Literaturausgabe“, in der nun Gedichte, Sprüche und Geschichten erscheinen, die von Schülern und Schülerinnen geschrieben wurden (…)

… heißt es im Vorwort der Redaktion, und das sind Dirk Dohr, Helmut Hühn, Sabine Koch, Regina Sauer sowie Norbert Ebner als beratender Lehrer.

Wie hervorragend den Zeitungsmachern von der SV der Ausflug in die Gefilde der „schönen Literatur" gelungen ist, davon zeugen insbesondere die Texte und Zeichnungen Klaus Müllers, dessen Ausnahmetalent wir bereits im ersten Beitrag unserer kleinen Reihe der „SZ-Nostalgie“ dokumentiert haben → ZON.