ZON

Vorgeschichte
Vor den Sommerferien 1973 erscheint letztmals Der Wecker, und zwar mit dem Informationsblatt „Der Obersberg“.
Der Wecker, „Schulzeitung der Alten Klosterschule und der Luisenschule“, berichtet darin ausschließlich über den bevorstehenden Umzug der Oberstufen dreier Hersfelder Gymnasien (Alte Klosterschule, Luisenschule und Wirtschaftsgymnasium) sowie der kaufmännischen Berufsschule auf den Obersberg und den Beginn eines Schulversuches unter dem gemeinsamen Dach MSO ab dem 13.08.1973.
Aufbruch
Die Redakteure des Weckers, Petra Baumgardt, Holger Grentzebach, Peter Kramuschke, Axel Schönewolf und Petra Wettlaufer, ziehen mit zum hochgelegenen Schulstandort und werden dort sogleich zu Gründungsmitgliedern der Redaktion von ZON, „der Schulzeitung der MSO, der Alten Klosterschule und der Luisenschule“, beraten von der Lehrerin Monika Schmidt.
Die ersten Ausgaben von ZON (Auflage 1000, Preis 0,20 DM) sind deutlich geprägt von den lange Zeit kontrovers diskutierten Veränderungen der Hersfelder Schullandschaft. Veränderungen mit bundesrepublikanischer Signalwirkung, beinhaltet der Modellversuch doch gleich zwei Neuerungen: zum einen die Verbindung von gymnasialer und beruflicher Bildung, zum anderen die Ersetzung des Klassenunterrichts durch das Kurssystem. Und drei Jahre immerhin vor der Einführung an allen bundesrepublikanischen Oberstufen darf die MSO per Sondergenehmigung mit dem Kurssystem beginnen, für die Jahrgangsstufe 11 zunächst.
Geradezu etwas Sensationelles haftet daher manchen Artikeln an, die in dieser Zeit der Aufbruchstimmung über das Für und Wider von Reformen berichten – wie z.B. die Auswahlmöglichkeit der Schüler zwischen und innerhalb von Kursen durch Schwerpunktsetzungen bzw. themenbezogene Wahlen.
Und die ZON-Redaktion interessiert sich tatsächlich für alles, was mit Schule zu tun hat: für KMK-Beschlüsse über „Meinungsfreiheit für den Schüler“ und „sogenannte Schülerstreiks“, für die Planungen von Rahmenrichtlinien in den Fächern Deutsch und Gesellschaftskunde, für die ideologische Ausrichtung von Schulbüchern, für die SV mit all ihren – damals noch hoch aktiven – politischen Gruppierungen, für „kleinschreibung – pro u. contra“ (s. auch Helmut Meinls untenstehenden Artikel) - und nicht zuletzt natürlich auch für Lehrersprüche („Ich habe nicht gesagt, unser Volk w i r d gut informiert, sondern man k a n n sich gut informieren, wogegen spricht, dass 10 Millionen die Bild-Zeitung lesen“, Herbert Höllger.)
Ähnlich groß wie für bildungspolitische Fragen ist das Interesse von ZON an allgemeiner Politik: der Militärputsch in Chile (11.9.73), das Elend der 3.Welt, berechtigte Anliegen und zu verurteilende Gewaltakte der RAF gehören zu den Themenschwerpunkten. Und in einer dreiteiligen Serie gar bieten die Redakteure ihren Lesern einen „Überblick über die heutigen Formen des Imperialismus“.
... der Stil von ZON-Redakteuren ist manchmal ganz schön frech…
Modellschule Obersberg Eingeweiht
am 21. februar, fast ein halbes Jahr nach inbetriebnahme der modellschule obersberg, wurde das millionenverschlingende und schon mancherlei kritik erregende gebäude nun auch endlich eingeweiht, alles war gut vorbereitet, das gbo probte dafür schon Wochen zuvor, um am bewußten tage (…) festzustellen, daß der eigens zur einweihung gekommene ministerpräsident von hessen, herr osswald (spd), sich nach kurzem schon wieder von der noch musizierenden Gruppe abwendete und in das gebäude trat, das für diesen doch so wichtigen tag über alle maßen geschmückt worden war. raum 420 (die pausenhalle) war zum festsaal umfunktioniert, eingefaßte bäume sollten dieses noch verdeutlichen, an den wänden hingen von schülern gemalte bilder usw. …
grund dieses ganzen aufwandes: wenn man schon allerlei kritik ausgesetzt ist, so sollte doch wenigstens die regierung in Wiesbaden einen guten Eindruck von der modellschule haben (für schüler scheint man sich da ja weniger mühe zu geben). Auf jeden Fall war alles so gut vorbereitet und so schön zurechtgemacht - modellschule obersberg wie auch direktor windemuth selbst -, daß ein negativer eindruck schier unmöglich war: ein protestplakat einer klasse war vorzeitig entfernt worden, eine auf tapete geschriebene parole durfte erst gar nicht in Sichtweite des hochehrenwerten besuches kommen, die Schülerschaft schien also zufrieden und ruhig zu sein, nichts schien den tag zu stören, und die forderungen der sv, mehr lehrkräfte einzustellen und die luisenschule zu integrieren, bewiesen doch wenigstens, daß es auf dem obersberg initiativen gibt und demokratisch zugeht (daß der direktor das flugblatt der sv vorher genehmigen mußte, erscheint hierbei nicht so wesentlich, und außerdem stand ja klar und deutlich: "die sv bejaht prinzipiell die grundkonzeption des kurssystems").
negative kritiken sind also nicht vorgekommen (man hätte sie Ja auch nicht zu wort kommen lassen), Wiesbaden hat seinen guten «eindruck, der direktor endlich den Schlüssel zum obersberg (wie er wohl vorher immer reingekommen ist?), und alles läuft beim alten weiter, hoffentlich hat das "große Fressen" auch allen gemundet, sicherlich besser als das, was unsereinem da so in der sogenannten cafeteria angeboten wird, lernjahre sind eben keine herrenjahre.
helmut meinl aus: ZON Nr.2, März 1974
… so frech, dass Artikel vorsichtshalber mit redaktionellen Anmerkungen versehen werden:
„Ein Teil der Redaktion distanziert sich von der Form des Artikels. In Teilen des Inhalts stimmt sie überein.“
Umbruch
Inhalt und Erscheinungsbild von ZON unter der Chefredaktion um Peter Kramuschke, Mathias Herrmann und Helmut Meinls orientieren sich unverkennbar an Willy Brandts Credo: „mehr Demokratie wagen!“ Und an der Überzeugung, mal seriöse, mal polemische, aber immer kompakte Information sei alles, Unterhaltung dagegen eher etwas für Boulevardblätter…
Mit dieser Grundeinstellung jedoch ist bald Schluss, genauer gesagt nach sechs Ausgaben!
ZON Nr.7 leitet einen Generationen- und Themenwechsel ein und versteht sich ab sofort nicht als Schulzeitung, sondern als eine allein von Schülern verantwortete Schülerzeitung.
Für den neuen Chefredakteur Andreas “Iggi“ Rößner, Sänger der Hardrocker „Hand of Doom“, hat die Musik Vorrang vor der Politik, sodass jetzt Reportagen über Rockkonzerte in den Mittelpunkt von ZON rücken – u.a. über Auftritte der „Scorpians“ in Hersfeld und von „Pink Floyd“ in Frankfurt.
Zudem wird „Informationslastigkeit“ ersetzt durch Bilderfreundlichkeit – z.B. in Form eines vierseitigen (!) Comics über Aufstieg und Fall eines Rockstars, und zwar aus der Feder des Chefredakteurs.
Wie gut es einer Schülerzeitung zu Gesichte steht, wenn sie über ein außergewöhnliches Illustrationstalent verfügt, veranschaulichen in beeindruckender Weise die Zeichnungen Klaus Müllers in den ZON-Heften 7 und 8.
Anfang und Ende
Heft 8 erscheint im April 1977: „An der letzten Ausgabe wurde kritisiert, es gäbe zu viel Musik-Berichte und zu wenig Information. Das haben wir uns ein bissel zu Herzen genommen…“, schreibt Andreas Rößner in seinem Vorwort und gelobt Besserung.
Zu spät!
Heft 8 bedeutet das Ende von ZON – in einer Epoche, in der sich Schüler der MSO an politischer Information durchaus noch interessiert zeigen. Und dies wohl in einem mindestens so hohen Maße wie an Neuigkeiten aus der Rock- und Popszene.
Vier Wochen v o r Herausgabe von ZON Nr.8 erscheint nämlich ein Konkurrenzblatt am Obersberg, Heft 1 von Motz!
Die Schülerzeitung Motz wird es auf doppelt so viele Ausgaben bringen wie ZON, aber in den sechs Jahren ihrer Existenz nicht ein einziges Jahr ohne Konkurrenz bleiben: ganze sechs Schülerzeitungen muss Motz nacheinander neben sich ertragen und vermag unter solchen Bedingungen immerhin bis 1982 zu überleben.
09.01.2009



