Brücken verbinden - normalerweise
Herr Reiner Emmerich als Zeitzeuge zu Gast in der MSO
Einige Schülerinnen und Schüler der Modellschule Obersberg haben ihren letzten Schultag vor den Weihnachtsferien nicht mit Unterricht im klassischen Sinne verbracht.
Der Fachbereich Geschichte der MSO hat im Rahmen des 20jährigen Jubiläums der Deutschen Wiedervereinigung von der Stiftung Aufarbeitung eine Plakatausstellung organisiert, die gerade für die Schülerinnen und Schüler des Abschlussjahrgangs im Hinblick ihrer Vorbereitungen auf das Abitur von Interesse ist.
Auf Einladung von Frau Möhrke und Herrn Weiß besuchte zudem Herr Reiner Emmerich die Schule und stand einigen Schülerinnen und Schülern sowie Kolleginnen und Kollegen ausführlich Rede und Antwort zur „friedlichen deutschen Revolution“. Herr Emmerich ist heute Leiter einer Finanzabteilung der Bundeszollverwaltung und war in Zeiten der deutschen Teilung auch an der nahegelegenen Grenze eingesetzt. Rückblickend beschäftigt er sich mit der Aufarbeitung der Verhältnisse und Umstände im ehemaligen heimischen Grenzbereich und hat diesbezüglich an dem Buch „Das Haus auf der Grenze“ mitgearbeitet. Nach einigen einleitenden Worten leiteten Nina Schippmann und Moritz Bröchtel aus dem LK Geschichte das Interview mit unserem Gast und den Zuhörern ergaben sich interessante Einblicke in die Arbeit an der Grenze. Engagiert stellten die Schülerinnen und Schüler eine Vielzahl von Fragen an den Gast, der diese stets umfangreich und detailliert sowie mit anschaulichen Beispielen beantwortete. Dabei spielten für viele Zuhörer gerade einzelne Flüchtlingsschicksale eine wesentliche Rolle. Herr Emmerich konnte sich an einige gelungene Fluchtversuche erinnern, stellte aber auch das große Gefahrenpotential der Grenzanlage eindrucksvoll dar, die leider auch viele Todesopfer forderte und ebenso wie die Anekdoten zur Arbeit der Stasi für Betroffenheit und Erstaunen unter den Schülerinnen und Schülern sorgte.
Abschließend erläuterte Herr Emmerich die Verhältnisse am Grenzübergang Philippsthal – Vacha. Die dort errichtete Grenzanlage war Ausflugsziel vieler Schulklassen und viele Bundesbürger aus dem Ruhrgebiet und oder bundesdeutschen Großstädten konnten sich nicht vorstellen, dass an diese Stelle „einfach Schluss“ war. Die Besonderheit der Grenzbefestigung in Vacha war ein einzeln stehender Grenzturm auf der alten Werrabrücke – ein Sinnbild für die deutsche Teilung, sollten doch Brücken eigentlich verbinden und nicht teilen. Das durch die deutsch-deutsche Grenze geteilte „Haus auf der Grenze“ stellte ein weiteres Kuriosum dar. Die alte Druckerei der Familie Hoßfeld wurde durch den Grenzzaun geteilt und auch hierzu konnte Herr Emmerich viele interessante Auskünfte geben. In der Abschlussdiskussion wurde zudem das Bedauern unseres Gastes deutlich, dass ein Ort wie der „Point Alpha“ nicht im Grenzbereich Philippsthal/Vacha entstanden ist, wo doch die baulichen Elemente vorhanden und eine Nutzung der Einrichtungen als Erinnerungsstätte naheliegender gewesen wären.
Rückblickend bleibt zu bilanzieren, dass den Schülerinnen und Schülern eine interessante und informative Zeitzeugenveranstaltung mit vielen detaillierten Einblicken, die der reguläre Unterricht wahrscheinlich nicht in dieser Ausgestaltung bieten kann, ermöglicht wurde. Der Fachbereich Geschichte überlegt daher, solche Momente der „Oral History“ des Öfteren anzubieten.
von Christian Weiss (01/2010)




